Verklungen, nicht vergessen

Der Tod ist das Echo des Lebens, so sagt es ein Sprichwort aus Bulgarien. Vor einigen Wochen ist eine Stimme verklungen, die wie kaum eine andere ein solches Echo in meinem Leben hinterlassen hat. Torsten Schmidt, Songwriter und Frontman der Halterner Kultband Virus D erlag den Folgen einer schweren Krankheit. Und wusste vermutlich nicht einmal annähernd, wie sehr er mein Leben eigentlich beeinflusst hat. Wenn irgendjemand die Verantwortung dafür trägt, dass ich heute in der Lage dazu bin, meine Gedanken zu Papier zu bringen und meine Gefühle in Töne fließen zu lassen, so sind dies vor allem meine erst spät hoch geschätzte Deutschlehrerin Frau Müller Ziethoff und eben dieser Torsten Schmidt.

Als ich irgendwann zu Beginn der 80er Jahre in die hübsche, aber dem Grunde nach sehr konservative Stadt Haltern am See zog, fiel mir als erstes auf, wie breit augfestellt trotz aller Konservativität die dortige Musikszene war. Nicht, dass ich mich damals schon dazu gezählt hätte, aber eine gewisse Affinität zu dieser Szene konnte man mir einfach nicht absprechen. Ich liebte Live Musik, und in den Halterner Kneipen wurde diese damals noch stets ausgiebig gepflegt. Gerne erinnere ich mich an lange, sehr lange musikalische Abende im Bermudadreick zwischen der Jever Kate, dem Schwan, Alt Haltern und natürlich der Alten Mühle, einigen Insidern wird bei diesen Namen vermutlich ein Lächeln über das Gesicht huschen. Die Musikschule der Stadt war ebenfalls eine feste Größe und brachte damals waschechte Lokalmatadore wie den Gitarristen Cookie Mußmann mit seinen Icemen hervor, in diesem Schmelztiegel lernte ich zu dieser Zeit noch viele weitere musikalische Weggefährten kennen, so z.B. die Gebrüder Guido und Holger Hartmann und Matt Bauer, von denen später als Band namens Zodiac noch zu hören sein sollte. Von Ingo Kunert und seinen Blades gar nicht erst zu reden. Und dann gab es da noch DIE Halterner Band: Virus D

Selten lässt sich nach so vielen Jahren noch der genaue Gründungsmoment einer Band festlegen, bei Virus D geht das jedoch sehr wohl: Es war das Jahr 1983, genauer die beliebte Kotten Rock Fete in Wulfen. Schnell stellten sich für die Viren erste Erfolge ein, so konnten sich 1987 Virus D gegen über 1000 weitere namhafte  Bands durchsetzen und den  1. Preis der „Landesjury NRW als beste Rockband des Landes NRW im Deutschen Rockpreis“ erringen. Dieser Preis sorgte natürlich für ordentlich Schub in Sachen Bekanntheitsgrad. Knackige Rockmusik mit engagierten deutschen Texten – Ich mochte die Band einfach. Irgendwann später jedoch traf ich den Sänger (und wie sich später herausstellen sollte TEXTER!) der Band Torsten Schmidt bei einem Solokonzert in meinem quasi „zweiten Wohnzimmer“, Wirtin Roselis „Li“ Knufmanns Kult-Kneipe namens „Jever Kate“. Kleines Besteck – So nennt man als Musiker häufig eben diese von mir heißgeliebten Kneipengigs, meistens im Singer-Songwriter Genre angesiedelt und ziemlich oft von einer Intensität, die man auf kaum einer anderen musikalischen Veranstaltung finden kann. Kleines Besteck bedeutete an diesem Abend eben Torsten, eine Gitarre und Songs, die er quasi aus dem Hut zauberte. Noch heute bin ich felsenfest davon überzeugt, das Torsten solche Konzerte meist ohne vorgefertigte Setliste spielte, sondern sich vielmehr von der Stimmung des Abends tragen lies. Kurz und gut: Ich war begeistert. Nicht nur von der Ruhe und Souveränität Torstens, sondern vor allem von den Songs, die er an diesem Abend spielte. So spielte er Titel wie den „Rekumer Highway Blues“, eine liebevolle Hommage an seine Heimatstadt Haltern, von dem ich doch tatsächlich schon vor diesem Abend eine Single besaß, sowie einen Song mit dem Titel „Wanderer zwischen zwei Welten“, der sich unmittelbar tief in meine musikalische Erinnerung gegraben hat, doch dazu später noch. Das wollte ich können: Songs schreiben und diese den Leuten vorspielen, eben ganz so, wie es Torsten Schmidt tat.

Erste, eher dürftige musikalisch literarische Egrüsse konnte ich zu dieser Zeit schon mein eigen nennen, zumeist eher schlichte und vor Schmalz triefende Liebeslieder. Schließlich konnte ich ja schon drei, vier Gitarrengriffe – und irgendwo musste ich ja hin mit meinen Emotionen. Also beschloss ich, nach dem Konzert das Gespräch mit Torsten Schmidt zu suchen, um mir ein paar gute Ratschläge in Bezug auf das Songwritig zu holen. Dies gelang mir auch, ausnehmend gut sogar. Etliche Kaltgetränke und ein ausgeschüttetes Halbstarken-Herz später machte mir Torsten unmissverständlich klar, dass ich kein Songwriter mehr werden müsse, da ich dies längst schon sei, ob ich es denn selbst glaubte oder nicht. Ich weiß bis heute nicht genau, was Torsten damals an mir fand, oder warum er sich die Zeit nahm, sich so ausgiebig mit mir zu befassen. Mein Ego jedenfalls bekam an diesem Abend Flügel – Und so passierte das, was passieren musste. Mein flügge gewordenes Ego und ich traten gemeinsam auf, natürlich ebenfalls in Ersatzmama Li’s Jever Kate. Mit handgemaltem Plakat und klopfendem Herzen. Und wie groß war die Freude, als auch Torsten Schmidt diesem Konzert einen Besuch abstattete und dabei nicht mit Applaus sparte. Oh mein Gott, ich war ein Singer Songwriter. Tatsächlich. Torsten hatte Recht.

Die Jahre gingen ins Land, immer wieder kam es zwischen Torsten und mir zu kleinen Begegnungen, denen ich vermutlich mehr Bedeutung beimaß als er. Ich erinnere mich noch gut daran, wie er meine Versuche belächelte, in der Schlagerwelt Fuß zu fassen. Und noch mehr daran, wie er mich irgendwann später, nachdem wir uns im Grunde längst aus den Augen verloren hatten, sehr weinselig anrief, nur um mir zu sagen, was für gute Songs ich mittlerweile schreiben könne. Für mich, so blöd sich dies auch anhören mag, fühlte sich dieser Anruf an wie ein waschechter Ritterschlag. Und später, sehr viele Jahre später, sah ich das Plakat der mittlerweile wiederbelebten Band Virus D in Dorsten hängen und mir war sofort klar: Da gehst du hin. Und dieser Abend war wie eine Reise in die Vergangenheit. Mir fielen plötzlich Texte der Songs von Virus D ein, an die ich Jahrzehnte nicht gedacht hatte. Bei „Morgen ist ein neuer Tag“ stand ich mit Tränen in den Augen vor der Bühne. Und war einen kurzen Moment lang schlicht und einfach glücklich.

Torsten Schmidt starb leise. Vermutlich hätte ich nicht einmal davon erfahren, wenn es heute nicht Facebook und Co geben würde, denn befreundet waren Torsten und ich eigentlich gar nicht. Ich las eine Mitteilung von Bernd Feller, dem langjährigen Schlagzeuger der Viren, in der er den plötzlichen Tod des Bandleaders verkündete, und in dieser Nacht träumte ich von Torsten Schmidt. Und von diesem einem Song, den er damals auf der Gitarre spielte: „Wanderer zwischen zwei Welten“. Aber wie das so ist mit Träumen, irgendwie wollte mir der Text nicht mehr vollständig einfallen, so tief ich auch in meiner Erinnerung kramte. Nachdem ich mich mit Bernd besprach, stellte sich heraus, das selbst er, der von sich glaubte, das künstlerische Werk Torsten Schmids komplett zu kennen, eben diesen einen Titel nicht kannte. Für mich Grund genug, mich in diesem einen Fall einmal an eine Coverversion eines Titels zu wagen. Und da mir einige Zeilen Text fehlten, habe ich diese kurzerhand „dazugelogen“. Torsten wird es mir verzeihen, da bin ich ganz sicher. Wo immer er auch gerade ist. Und vermutlich wird er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können …

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Komponist: Josh Schwartz
Texter: Torsten Schmidt, André R. Kohl

Deine wenigen Sachen
die war’n schnell gepackt
der Abschied fiel leicht mit einer großen
riesengroßen Wut im Bauch

Dieser tägliche Wahnsinn
alles verplant und vertrackt
das ist nicht dein Ding, du wllst was ganz anderes
und das weißt du auch

Ref.:
Denn du bist der Wanderer
zwischen zwei Welten
du hast deine Träume von Gestern
in deine Zukunft gesteckt
so wie du früher gelebt hast
das soll nicht mehr gelten
und das was du willst
hast du bisher noch nicht entdeckt

Griechische Inseln
französischer Wein
Einmal Malediven, Kanarische Inseln
ohne Rückfahrschein

Irgendwas machen
irgendwohin
und in dir die Hoffnung
die Hoffnung auf den neuen Beginn

Ref.:
Denn du bist der Wanderer …

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