Alter Ego – Mein Hang zu virtuellen Welten

Schon immer neigte ich dazu, die Grenzen der Realität zu übertreten. Damit meine ich nun nicht aber die Einnahme psychoaktiver Substanzen, sondern schlicht und ergreifend die Phantasie. Mit selbiger war ich schon seit frühester Kindheit reichlich gesegnet – und so konnte ich es natürlich kaum abwarten, bis ich endlich lesen lernte. Dies passierte bei mir schon etliche Zeit vor meiner Einschulung, und da ich schon damals eher ein Sonderling war, wurden Bücher schnell zu meinen kleinen Fluchten aus dem Alltag. Ich las so ziemlich alles, was ich in die Finger bekam, ungeachtet des Genres oder der Qualität, selbst historische Wälzer von etlichen hundert Seiten verschlang ich damals an einem einzigen Wochenende. Später dann begann ich, meiner zu Schulzeiten von mir  nicht sonderlich  geliebten Deutschlehrerin Frau Müller – Ziethoff sei hierfür im Nachhinein herzlich gedankt, selbst mit dem Schreiben. Doch in Sachen Phantasiewelten sollte es irgendwann mal ganz dick kommen.

Die Geschichte, die nun folgt, ist für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen, daher muss ich hier etwas weiter ausholen. Insbesondere jüngere Leser müssen an dieser Stelle nämlich wissen, dass es da mal eine Zeit gab, in der man nicht mal eben online ging, um seine Mails oder Facebook zu checken. Wir hatten auch schon Handys, allerdings musste man bei diesen vor dem Telefonat noch eine Antenne herausziehen, damit man Empfang hatte. Die Firma Siemens baute sie damals. Und wer eines besaß, konnte in Sachen Coolness schon einiges hermachen. Also musste natürlich auch ich eines haben, logisch. Ins Internet gehen konnte man mit den Dingern damals noch nicht, überhaupt war dieses Medium zu dieser Zeit noch gar nicht bei der breiten Masse der Bevölkerung angekommen. Aber SMS ging schon. Und so simste ich, was das Zeug hielt. Und meine Handyrechnung nahm alsbald astronomische Höhen an.

Was dies mit virtuellen Welten zu tun hat? Nun, ich möchte dieses Handy mal als meine „Einstiegsdroge“ in dieselben bezeichnen. Ich achtete stets sorgfältig darauf, dass es voll geladen war, trug es immer, wirklich immer bei mir und hatte ansonsten ein recht inniges Verhältnis zu diesem elektronischen Gerät. War ja auch so ein wenig wie der Kommunikator bei Star Trek, einer meiner absoluten Lieblingsserien damals. Genau während einer Webepause (ja, sowas hatten wir auch damals schon) in einer Star Trek Folge passierte es – Und davon handelt dieser Artikel nämlich eigentlich.

Ein Werbespot erschien auf dem Bildschirm, an dessen Inhalt ich mich nicht mehr wirklich erinnern kann. Irgendwas mit „Beam me up, Scotty!“ und „Der Raum ist simuliert, dieMenschen sind echt“. Und mit einer Telefonnummer, die mit 0190 begann. Und schon war ich drin im Dickicht der sogenannten „Telefonmehrwertdienste“.  Das ein Anruf bei einer solchen 0190er Nummer damals pro Minute abgerechnet wurde und diese Minute jeweils über eine Mark kosten sollte, hatte ich zwar im Hinterkopf, doch schon bei meinem ersten Einwählen in das System „Starbase 49“ waren diese Warnungen schlicht in den Wind geblasen. Eine Raumstation am Telefon – und ich war mittendrin. Meine Phantasie schlug förmlich Purzelbäume.

Diese „Raumstation“ einem Menschen zu erklären, der selbst nie dort war, fällt sogar mir unglaublich schwer. Man mus sich das Ganze in etwa so vorstellen: Man wählte sich in das System ein, hörte spacige Soundeffekte und Musik und traf dort auf andere Menschen, die sich ebenfalls dort eingewählt hatten. Dazu navigierte man mit seiner Telefontastatur durch virtuelle Räume, in denen man jeweils wieder andere Menschen vorfand, mit denen man in sogenannten „Multikonferenzen“ telefonieren, also warhaftig sprechen konnte. Da gab es ein Holo-Deck, ein Gerüchteregal, Raumschiffe, einen Hangar und was weiß ich nicht noch alles. Alle diese Räume wurden jeweils akustisch anders untermalt, die Atmosphäre war unglaublich. Aber was noch viel spannender war: Niemand von den Mitspielern war dort mit seinem wirklichen Ich vertreten, ein jeder hatte sich eine eigene virtuelle Persönlichkeit zurechtgebastelt und füllte diese immer mehr mit Leben. Und was flog da nicht alles auf der Raumstation herum, die von allen liebevoll „Blechdose“ oder kurz „Base“ genannt wurde. Es gab einen Flying Doctor, ein Glibbermonster, eine Fledermaus, eine Miezekatze, einen Tabaluga, ein Engelchen und viele, viele weitere kreative und weniger kreative virtuelle Egos, die im Jargon damals „Logins“ hießen.

Nach diesem Login wurde man von der freundlichen Computerstimme gleich zu Beginn des Registrierprozesses gefragt, hier hieß es blitzschnell kreativ zu sein. Ich borgte mir meins, wie so viele andere Blechdosenbewohner auch, aus einer amerikanischen Fernsehserie. Doch bei mir war es keine Science-Fiction, sondern eine andere von mir heiß und innig geliebte Serie: „The caller“, im Deutschen wundervoll betitelt mit „Der Nachtfalke“.  Die Hauptrolle in dieser Serie, genannt Jack Killian, ein ehemaliger Cop, der nunmehr eine nächtliche Call-In-Radiosendung  moderiert, wurde dargestellt von Gary Cole, einem Schauspieler,den ich immer schon sehr mochte. In seiner unnachahmlichen Art, fraglos unterstützt durch seine perfekte deutsche Synchronstimme, die ihm von Hubertus Bengsch geliehen wurde, beendete er jede Folge mit einem sonoren „Gute Nacht Amerika, wo immer Sie sind!“ Wow!

Also zog der Nachtfalke – de facto also ich – auch auf der Base ein. Und von Stund an wählte ich mich jeden Tag, besonders aber jede Nacht, in dieses System ein. Zu Beginn tatsächlich noch über die erwähnte 0190er Nummer, später hatte ich bei der Betreiberfirma ein Abo. Trotzdem musste ich immer noch bis Hamburg telefonieren, denn dort war der Standort der Firma. Ich verschweige an dieser Stelle besser die Unsummen, die diese Zeit damals verschlungen hat. Aber ich war angefixt und hing sozusagen an der Nadel, oder besser gesagt an der Strippe. Die Zeit verging wie im Flug, der Gebührenzähler tickte unbarmherzig. Und wie so vielen anderen Junkies auch war mir das alles völlig schnuppe. Morgens aufstehen, Kaffee, Kippe und erst mal schauen, wer auf der Base ist. Tage wurden zu Wochen, Wochen wurden zu Monaten.

Und der Spaß, den diese sogenannte „Audio-Reality“ machte, war beileibe nicht nur auf das Virtuelle begrenzt, denn immer wieder gab es in den verschiedensten Ecken Deutschlands Treffen der Systemnutzer. Ich weiß nicht, wie viele dieser Basetreffen ich damals besucht habe, es waren sicher eine ganze Menge. Hamburg, Berlin, der Ort war Nebensache. Und wenn wir uns irgendwo trafen, war es so, als würden wir uns alle schon jahrzehntelang kennen. Jeder sprach den anderen mit seinem Login an, jeder redete, trank, flirtete mit jedem. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass ich in dieser Zeit Menschen kennengelernt habe, die ich im „normalen Leben“ niemals getroffen hätte. Die soziale Filterfunktion, gemeinhin das Leben genannt, fiel hier völlig weg. Hier war ich nicht etwa André, der unbekannte, erfolglose Musiker, mit Selbstwertproblemen und gelegentlichen Depressionschüben, hier war ich der Nachtfalke. Cool, beliebt, witzig, eine geile Sau eben. Daran konnte man sich schon gut gewöhnen. Und das tat ich dann auch wie erwartet. Und wie jeder Junkie riß ich damals große Löcher in mein Leben und mein Portemonnaie.

Der ganze Spuk dauerte ungefähr ein Jahr. Wie es endete, vermag ich heute gar nicht mehr zu sagen. Wahrscheinlich – sehr wahrscheinlich sogar – war ich pleite, jedenfalls begann ich irgendwann damit, mich wieder auf das „richtige Leben“ zu konzentrieren. Und doch hatte dieses Jahr einiges in mir verändert. Ich hatte mir eine Figur erschaffen, die das Positive in mir multiplizierte und davon das Negative subtrahierte. Eine verbesserte Ausgabe meiner selbst, sozusagen Ich 2.0. Aber eben doch nur eine Kunstfigur. Jedoch eine, in die ich mich auf das Heftigste verliebt hatte. Und genau wie all den anderen großen Lieben meines Lebens, widmete ich dieser einen eigenen Song. Einer der poetischten Texte, die ich je verbrochen habe.

Was bleibt, ist der Song. Wieder einmal. Aber auch viele Erinnerungen und Kontakte, die teilweise bis heute Bestand haben. Gute Nacht Amerika, wo immer ihr seid!

+ Zeige Songtext "Nachtfalke"- Verberge Songtext "Nachtfalke"

Komponist: André R. Kohl
Texter: André R. Kohl

Du weißt, den Wind fängt man nicht ein
und trotzdem wird er bei dir sein
du weißt, die Welt hält man nicht auf
du weißt, die Zeit nimmt ihren Lauf

Du spürst die Sonne, die dich wärmt
und die ist doch so weit entfernt
du spürst das Feuer, spürst die Glut
und du weißt doch, wie weh sie tut

Und bist du traurig, ja denn heb‘ den Kopf zum Himmel
und vielleicht siehst du einen Falken in der Nacht
dann schließe einfach deine Augen und du spürst
der Nachtfalke hat an dich gedacht
der Nachtfalke hat an dich gedacht.

Refrain:
Und du sagst
Nachtfalke flieg‘ davon, nimm meine Illusion
nimm meine Träume und dann geh‘
flieg‘ Richtung Sonnenlicht
verbrenn‘ dir die Flühel nicht
bis ich dich irgendwann irgendwo wiederseh‘

Nachtfalke flieg‘ hinaus, Nachtfalke tob‘ dich aus
komm‘ doch nur stets zu mir zurück
flieg‘ bis zum Firmament, du, der die Sehnsucht kennt
Nachtfalke flieg‘ mit mir ein Stück

Wer liebt, der weiß, wie schwer das ist
dass man verzeiht und man vergisst
der weiß wie schwer die Freiheit wiegt
und das das Glück nicht auf der Straße liegt

Wer liebt. der kennt auch das Gefühl
als sei hier jedes Wort zuviel
und doch ist längst nicht das gesagt
wonach die Liebe sonst nicht fragt

Und bist du traurig, ja dann schau‘ einfach nach oben
und denke immer an den Falken, der fliegt
und siehst du ihn, schließ‘ deine Augen und du weißt
der Nachtfalke ist da und hat dich lieb
der Nachtfalke ist da und hat dich lieb

Refrain:
Nachtfalke, steig hinauf, steig bis zur Sonne auf
nimm meine Sehnsucht in dein Herz
flieg‘ bis dein Flügel bricht, scheue das Dunkel nicht
flieg‘ einfach weiter, einfach nur himmelwärts

Nachtfalke, wie der Wind, Nachtfalke, Sternenkind
du bist mein kleines Bischen Glück
flieg‘ bis zur Ewigkeit, dir ist kein Weg zu weit
Nachtfalke flieg‘ mit mir ein Stück

Refrain:
Nachtfalke,du und ich, träum‘ diesen Traum für mich

sei für mich das, was ich nie war
zieh‘ endlos deine Bahn, zünde dein Feuer an
zeig‘ mir die Welt, so wie ich sie nie vorher sah

Nachtfalke, stolz und frei, Nachtfalke hab‘ dabei
stets nur dein festes Ziel im Blick
bin ich auch erdenschwer, du zauberst Träume her
Nachtfalke flieg‘ mit mir ein Stück

 

P.S.: Irgendwann dann entdeckte auch ich das Internet für mich. Und statt Starbase 49 hieß es nun „Puschkin Chat“. Eine weitere virtuelle Welt, in die ich komplett abtauchte, und zu der es natürlich auch einen Song gibt. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte …

Gesamt 11 Bewertungen
0

Sage mir doch bitte, wie ich diesen Beitrag verbessern kann.

+ = Sind Sie ein Mensch oder ein Spambot?

2 Kommentare zu “Alter Ego – Mein Hang zu virtuellen Welten”

  1. Sehr gut geschrieben. Ähnlich ging es mir damals auch auf der Base. Erinnern mich aber immer noch gerne an die Zeit. Auch den Song find ich sehr schön. Liebe Grüsse Tina, die Wetterhexe

Kommentar verfassen