Dulden heißt dabeisein

Länger schon trage ich mich mit dem Gedanken, einen Beitrag über die unsäglichen Bilder zu schreiben, die allabendlich omnipräsent über die Mattscheiben unserer Fernsehgeräte in unsere Wohnzimmer schwappen. Verängstigte Menschen mit nicht viel mehr Habe, als das, was sie am Leibe tragen, kommen nach wochenlangen Entbehrungen, nicht selten unter Einsatz ihres eigenen Lebens in unser Land. Und anstatt hier Schutz und Sicherheit zu finden, sehen Sie sich plötzlich Horden von selbsternannten „Ich bin zwar kein Nazi, aber … “ Wutbürgern gegenüber und müssen erneut um Leib und Leben fürchten. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht, denn ich gebe offen zu: Ein ganz kleinwenig kann ich auch diese verstehen.

Na? Interesse geweckt? Nicht, das WIR uns jetzt falsch verstehen: Ich kann in keinster Weise gutheißen, was derzeit in Städten wie Heidenau, Freital oder Nauen passiert. Und niemals werde ich mich zum Unterstützer einer dieser vermeintlichen Heimatschützer machen, die sich anscheinend auch noch siebzig Jahre nach einem verheerenden Krieg eines schrecklichen Systems am äußersten rechten Rand der Gesellschaft am wohlsten fühlen. Aber ich kann ein wenig verstehen, warum sie sich zusammenrotten, warum Menschen, die es allein durch die eigene Geschichte besser wissen müssten, sich plötzlich zu Tätern machen, sich selbst dabei aber in der Rolle des Opfers perfekt zuhause fühlen. Sie haben Angst. Und sie sind desinformiert. Oder dumm. Oder beides. Und Angst und Dummheit waren von jeher eine explosive Mischung, egal in welchem Teil der Welt. In unserem Teil jedoch schon erst recht.

Nehmen wir zum Beispiel die alte Dame, die ich kürzlich in einer Nachrichtensendung sah. Im Brustton der Überzeugung schwadronierte diese in die Kamera, sie sei schließlich auch eine Heimatvertriebene. Und als sie damals hier ankam, hätte sie auch niemand haben wollen. Sorry, aber geht’s noch Omi? Was soll denn das sein? Späte Rache? Oder ist das einfach schon Altersdemenz? Gerade diejenigen, die sich noch daran erinnern können (sic!), wie es sich anfühlt, deine eigene Heimat verloren zu haben, sollten nachfühlen können, wie sich die Menschen auf der anderen Seite des Pöbels gerade fühlen müssen. Oder nehmen wir den jungen Burschen, der mit seinen Springerstiefeln und seiner Bomberjacke irgendetwas davon faselt, er könne keine weiteren Ausländer mehr sehen, die den Deutschen ihre Jobs wegnehmen. „Gröhlende Germanen-Gangs“ sang Udo Lindenberg einst so passend. Wieviel Angst musst du wohl haben, wenn du befürchtest, dass jemand, der kein Wort deutsch spricht, womöglich gerade noch so mit heiler Haut davongekommen ist, dir deinen Job wegnimmt? Und mal Hand aufs Herz anstatt den Arm gereckt – Hast du überhaupt einen, oder hat Mutti deine Lonsdale-Marken-Uniform bezahlt? Vielleicht sollte dich einfach mal wieder jemand in den Arm nehmen. Aber bitte nicht ich, denn ich würde dazu sicher noch – in meiner bekannt bescheidenen und zurückhaltenden Art – einen Spruch raushauen: „Komm mal her, du Armer. Erst die Chemo und dann auch noch orthopädische Schuhe …“

Und dann alle diejenigen, die in mehr oder weniger jüngster Vergangenheit noch lautstark „Wir sind das Volk“ skandierten und für persönliche Freiheit auf die Straße gingen, heute aber nicht weniger lautstark „Wir sind das Pack“ gröhlen und allen anderen genau diese verwehren wollen. Schämt ihr euch nicht? Oder habt ihr einfach nur vergessen, was es heißt, unter einem totalitären System zu leiden? In diesem Zusammenhang: Vielen Dank an Sigmar Gabriel für seine „linguistische Glanzleistung“. Wie man nun eindrucksvoll erkennen kann, war dies nicht mehr als eine Steilvorlage in die untere rechte Ecke, daher möchte ich mich aus vollem Herzen für diese Äußerung entschuldigen. Aber wie meine liebe Urgroßmutter schon immer sagte: „Wem der Schuh passt …“

Herrjeh, jetzt entwickelt sich dieser Artikel doch tatsächlich noch in eine Richtung, die ich zu Anfang noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Egal, dann kann ich auch gleich noch etwas loswerden. Geht weg, ihr Angsthasen. Was fällt euch nur ein, mit Steinen auf Polizisten zu werfen? Es sind dieselben Polizisten, die ihr ohne zu zögern anrufen würdet, wenn ihr gerade einmal nicht in größerer Gruppe ausschwärmt und euch jemand ans braune Leder will. Diese Männer und Frauen sind es, die unsere gesetzlich garantierten Grundrechte verteidigen. Ja, auch eure, ihr Schnarchnasen. Denn auch Angstzerfressene und Intelligenzresistente dürfen sich in unserem Land versammeln. Geht weg, ihr Menschenverächter. Wie könnt ihr es euch erlauben, Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte zu schleudern, anstatt dankbar dafür zu sein, dass nicht ihr diejenigen sein müsst, die dort leben? Ihr seid stolz darauf, Deutsche zu sein? Prima, da kann ich ja gleich noch einmal meine liebe Urgroßmutter zitieren: „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“. Geht einfach weg. Und dann seid bitte, bitte endlich still.

Kürzlich habe ich nach längerer Zeit mal wieder etwas von meinem langjährigen musikalischen Weggefährten Marco Kloss gehört, seines Zeichens selbst ausgezeichneter Sänger, Texter und Komponist. Er erinnerte mich an einen Titel, den ich bereits vor vielen Jahren schrieb, merkwürdigerweise aber irgendwie aus dem Kopf bekommen habe. In diesen Tagen allerdings ist dieser Titel leider zumindest thematisch wieder aktueller denn je. Auch wenn ein Lied keine Lösung sein kann, so möchte ich euch selbiges trotzdem nicht vorenthalten. Hört mal kurz rein, kann ja nicht schaden. Und dann fangt verdammt nochmal an, Brücken zu bauen, anstatt weiter Gräben auszuheben. Und geht aufeinander zu. Es wird sich lohnen!

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Komponist: André R. Kohl
Texter: André R. Kohl
Interpret: Artists United

Wer die Zeichen übersieht,
wer noch Trennungslinien zieht,
wird auf einmal wach und fragt nach dem Warum.
Wer nur in Schablonen denkt,
sich seinen Horizont verengt,
der bleibt später auch wenn Häuser brennen stumm.

Dulden heißt dabeisein,
auch wenn du nie Steine wirfst,
wer nicht nein schreit, hat schon vorher ja gesagt.
Oberflächlich ahnungslos,
doch wenn du tiefer schürfst,
dann sagt dir dein Gewissen: Tu was, ungefragt!

Refrain:
Brücken bau’n, Brücken bau’n,
einander in die Augen schau’n
und gemeinsam ohne Worte sich versteh’n,
Brücken bau’n, Brücken bau’n,
aus Freundschaft und aus Selbstvertrau’n,
um gemeinsam aufeinander zuzugeh’n.

Wenn die Menschlichkeit versiegt
und wenn das Gute unterliegt,
ist der letzte Tag der Welt nicht weit entfernt.
Doch wer auf die Seele schaut,
nicht auf die Farbe deiner Haut,
der hat sicherlich aus Fehlern schon gelernt.

Dulden heißt zu warten
bis du selber Opfer wirst,
eines Tages wird der Jäger selbst gejagt.
Und wenn du dann irgendwann
selbst Haß und Kälte spürst,
dann weißt du was zu tun ist, tu es ungefragt.

Refrain:
Brücken bau’n, Brücken bau’n,
einander in die Augen schau’n
und gemeinsam ohne Worte sich versteh’n,
Brücken bau’n, Brücken bau’n,
aus Freundschaft und aus Selbstvertrau’n,
um gemeinsam aufeinander zuzugeh’n.

Wenn die letzte Grenze fällt,
dann erst wird in dieser Welt
Platz genug für alle Menschen sein.
Keine Angst vor’m ersten Schritt,
komm, ich geh‘ ein Stückchen mit,
sieh‘ dich um, du bist doch nicht allein‘.

Refrain:
Brücken bau’n, Brücken bau’n,
einander in die Augen schau’n
und gemeinsam ohne Worte sich versteh’n,
Brücken bau’n, Brücken bau’n,
aus Freundschaft und aus Selbstvertrau’n,
um gemeinsam aufeinander zuzugeh’n.

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