Schlaflosigkeit und andere merkwürdige Zustände

Manchmal stellt sich beim Schreiben eines Songs ein ganz besonderes Gefühl ein. Wenn sich erst einmal eine Idee zu einem Song manifestiert hat, gerate ich nicht selten in einen Zustand, der einer Trance nicht unählich ist. Ich befinde mich quasi in einem kreativen Tunnel, in dem ich, anders als in meinem sonstigen Leben, in mir selbst ruhend und fokussiert auf eine einzige Sache bin. Das Schreiben selbst geschieht, so seltsam das auch für Außenstehende klingen mag, beinahe ohne mein bewußtes Zutun. Schon vor Jahren habe ich für mich selbst den Satz „Es schreibt mich“ formuliert – und oft genug habe ich mich hinterher über mich selbst wundern müssen, was mich da mal wieder so geschrieben hat. Am vergangenen Wochenende habe ich mit einem ganz neuen Stück beschäftigt, dessen Idee mir mehr oder weniger im Traum erschienen ist. Unglaublich? Ist aber tatsächlich so. Um diesen Song jedoch nachvollziehbar zu machen, muss ich mal wieder eine Geschichte erzählen. Und das ist diesmal gar nicht so einfach.

In den letzten Jahren schlafe ich oft nicht besonders. Immer wieder kommt es vor, dass ich mitten in der Nacht wach liege. Und natürlich ist dieser Zeitpunkt zwischen Tag und Traum perfekt, um nachzudenken und in sich hinein zu hören. Nicht immer höre ich allerdings gern, was sich da so im inneren meines Kopfes abspielt. Seit meinem Herzinfarkt zum Beispiel wird mir in solchen Augenblicken immer wieder die eigene Endlichkeit bewußt. Die Tatsache, dass ihr gerade diese Zeilen lesen könnt, dass ich überhaupt erst damit angefangen habe, meine musikalischen Ideen in irgend einer Form niederzulegen – Ich meine hier ausdrücklich die Titel, die nicht von irgendwem anders interpretiert, überarbeitet oder sonstwie verändert wurden – ist exakt einer solchen schlaflosen Nacht geschuldet. Was wäre wenn?  Wenn ich zum Beispiel tatsächlich an jenem besagten Herzinfarkt verstorben wäre? Gemessen an dem Krankheitsbild standen die Chancen eher gegen mich. Was, wenn niemand jemals etwas von dem wirren Zeug in meinem Kopf mitbekommen würde? Wenn, wenn, Baustellen über Baustellen.

In ebensolchen Nächten, in Momenten, in denen man sich selbst sehr, sehr nahe ist, erkennt man genau diese Baustellen besonders gut. Alle diese aufgerissenen Straßen, diese Hindernisse und unverarbeiteten Dinge erscheinen plötzlich in gleißend hellem Licht. Wie ausgeleuchtet sieht du jeden noch so verborgenen, nicht selten gut versteckten Winkel. Und dann heißt es ehrlich zu sich selbst zu sein. Auch wenn das nicht besonders angenehm ist.

Eine meiner größten Baustellen heißt Ilona. Loni, wie sie von Freunden genannt wird, hat mich vor 48 Jahren geboren. Im zarten Alter von 15 Jahren begegnete sie meinem Vater und wurde prompt schwanger. Entgegen allem Zureden entschied sie sich damals gegen ihren Wunschberuf Kindergärtnerin und dafür, mich auf die Welt zu bringen. Über die schwierigen Verhältnisse in meiner Kindheit ließen sich tausend weitere Geschichten erzählen, ich möchte das ganze hier nur ganz rudimentär zusammenfassen: Loni hatte genug damit zu tun, uns beide über die Runden zu bringen. Und dafür zu sorgen, dass wir mit heiler Haut davon kamen. Nach Jahren häuslicher Gewalt gelang es ihr nach etwa 10 Jahren, zusammen mit mir den Absprung aus diesen desaströsen Umständen zu schaffen. Um es kurz zu machen: Fortan versuchte sie, mir im Leben Werte zu vermitteln und eine Richtung zu zeigen. Und ich dankte es ihr, indem ich mit fortschreitender Pubertät genau diese Werte mit Füßen trat und die Richtung mehr als einmal verloren habe. Ich will mich für nichts entschuldigen, alle Böcke, die ich in meinem Leben geschossen habe, haben mich schlussendlich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin, wieviel oder wenig das auch immer sein mag. Ich bereue heute jedoch in ganz besonderem Maße die Tatsache, dass ich ausgerechnet der Frau, die ihr halbes Leben mein Wohlergehen über ihr eigenes gestellt hat, mehr wehtat, als ich es eigentlich wollte.

Loni und ich haben uns aus den Augen verloren. Weil ICH das so wollte, schätze ich. Weil ICH, wie so oft in meinem Leben, nicht über genug Rückgrat verfügte, um Probleme anzugehen. Stattdessen lief ich weg. Vor den vermeintlich unlösbaren Problemen, den anscheinend unüberbrückbaren Differenzen und doch am Ende nur vor mir selbst. Gar nicht so einfach, wenn man immer schon da ist, wohin man flüchten wollte. Lucky Luke schießt schneller als sein eigener Schatten, ich konnte vor meinem nicht einmal wegrennen, egal wie oft ich es auch versuchte. Also rannte ich, was das Zeug hielt. Aus Wochen wurden Monate, aus Monaten wurden Jahre. Fast dreißig Jahre, um genau zu sein. Und obwohl meine Mutter, wie ich hörte, nicht weit weg von mir lebt, brachte ich nie genug Mut auf, um an ihrer Tür zu klingeln. Was hätte ich auch sagen sollen? „Hallo Loni, da bin ich wieder, ganz schön alt sind wir geworden!“ wohl eher nicht. Und mit jedem Tag, der verging, verblasste die Vergangenheit. Gleich einem alten Foto, welches von Jahr zu Jahr immer flauer wird, immer mehr vergilbt, bis sie schließlich nur noch schemenhaft vorhanden ist. Wenn überhaupt …

Im Jahr 2001 verstarb mein Vater, seines Zeichens eine nicht minder große Baustelle meines Lebens. Plötzlich und unerwartet, so steht es oft in Todesanzeigen, seit dieser Zeit weiß ich, was genau diese drei Worte mit einem Menschen anrichten können. Die Tatsache, dass ein Mensch stirbt, schmerzt. Immer. Auch wenn dieser Mensch den größten Teil seines Lebens lang ein waschechtes Arschloch war. Aber noch mehr schmerzt alles das, was ungesagt, ungetan, unerledigt blieb. Er brennt lange nach, noch immer. Mehr bleibt nicht zu sagen. Und meine Mutter, die ich erst jetzt, wo ich selbst über so etwas wie Lebenserfahrung verfüge, ansatzweise verstehen kann, tut dies umso mehr. Ob ich will oder nicht.

In den letzten Jahren schlafe ich oft nicht besonders. Und wenn ich wach liege, denke ich nach. Erstaunlicherweise in letzter Zeit häufig über Loni. Kein Wunder also, dass mich im Traum ein Song erwischte, der so ganz anders geworden ist, als alles, was ich bisher geschrieben habe, sowohl textlich als auch musikalisch. Und wem dieser Artikel schon zu merkwürdig, zu peinlich, kurz zu persönlich ist, dem lege ich nahe, den Player diesmal ausnahmsweise nicht anzuklicken. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

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Komponist: André R. Kohl
Texter: André R. Kohl

Manchmal seh‘ ich nachts dein Gesicht
und erreiche es nicht
manche Gräben sind zu tief
manchmal lieg‘ ich stundenlang wach
und ich denk‘ drüber nach
warum’s mit uns nicht richtig lief
es war leicht, dein Kind zu sein
doch das war in einem anderen Leben

Mama
manchmal wein‘ ich in der Nacht
ich hab’so oft an dich gedacht
und ich will nur das du weißt
Mama
noch nicht mal ich bin wirklich schlecht
vielleicht zu stolz, zu selbstgerecht
doch ich geb‘ dir keine Schuld
ich komm‘ damit allein‘ zurecht
Irgendwie

Manchmal spielt die Zeit gegen dich
manchmal frage ich mich
ob es noch eine Brücke gibt
manchmal geht man einfach zu früh
und verletzt dabei die
die man doch am meisten liebt
Ich weiß fast gar nichts mehr von dir
nicht mal mehr die Farbe deiner Augen

Mama
wenn eine Brücke erst zerbricht
dann findet man den Heimweg nicht
und mit jedem neuen Tag
Mama
verblasst das Bild ein bißchen mehr
fällt es mir nicht mehr ganz so schwer
doch ich träume oft von dir
ich vermisse dich so sehr
Irgendwie

Mama
heut‘ hab ich selber graues Haar
bin so weit weg und doch so nah
und merk‘ erst jetzt, dass du mir fehlst
Mama
Das Schicksal nimmt halt seinen Lauf
Ich nahm nur viel zu viel in Kauf
Ich hab‘ die Brücke selbst verbrannt
und pass‘ schon selber auf mich auf
Irgendwie

 

P.S.: Gerne hätte ich euch an dieser Stelle ein Foto von Loni gezeigt. In meiner Erinnerung war sie recht hübsch. Aber nicht mal ein solches Foto habe ich noch. Vorsicht, Baustelle …

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