Super, Talent!

Gestern Abend war ich beim Supertalent, genauer gesagt bei den Jurycastings. Nein, nicht was ihr denkt. Angesichts meiner bekannt bescheidenen, introvertierten, ja geradezu zurückhaltenden Art würde es mir im Traum nicht einfallen, mich der Herausforderung einer solchen Veranstaltung zu stellen und mich dem Urteil einer Jury zu unterwerfen, angeführt durch Großinquisitor Dieter von eigenen Gnaden. Ganz anders jedoch mein Freund Günter Dezelak.

Zu DJ Günni, wie ihn Eingeweihte auch nennen, komme ich aber gleich noch. Zuvor möchte ich kurz berichten, was mir in den etwa 6 Stunden meiner Anwesenheit so alles passiert ist. Stattgefunden hat dieser zugegebenermaßen sehr amüsante Abend in den altehrwürdigen Hallen des Colloseum-Theaters in Essen. Und was ich dort in erster Linie gesehen habe, war eine gut geölte Fernseh-Maschinerie, die mit viel Manpower nicht nur diese eine Fernsehaufzeichnung am Abend stemmte, sondern überdies bereits eine komplette Show in den Nachmittagsstunden durchgezogen hat. Nur um mal einen Eindruck von den Dimensionen dieses Castings zu verschaffen: Alleine zu dieser Abendveranstaltung hatten sich etwa 1500 Menschen eingefunden. Mich selbst habe ich da noch nicht mal mitgezählt. Schnell stellte sich heraus, dass es sich beim größten Teil der angereisten Personen um Supporter der teilnehmenden Talente handelte. Ich war ja wegen Günni da, also war ich auch ein solcher Supporter. Und Günni hatte ordentlich Reklame gemacht, insgesamt waren wir satte 50 Personen. Einige von ihnen hatte ich auch längere Zeit nicht mehr gesehen – und so war schon vor dem Eingang des Colloseums das Hallo groß. „Stimmung passt!“ dachte ich mir. Aber warten ist nicht so meins, ein wenig schneller könnte es hier schon gehen.

Auf einmal ging dann auch alles sehr schnell. Eine mit Headset und Walkie-Talkie bewaffnete junge Dame (von denen übrigens etliche herumschwirrten) trieb uns zusammen, führte uns in den Eingangsbereich und machte uns zunächst mal mit den Spielregeln des Abends vertraut. Keine Fotos, auch nicht via Handy, blah blah … Der einzige, der sich an das Fotoverbot zu halten schien, war übrigens ich. Selfies mit Inka, Bruce, Dieter und mir kann ich euch also leider nicht bieten. Bis dato hatte ich angenommen, dass ich irgendwo im Publikum sitzen werde und, dann wenn Günnis Auftritt ansteht, wie besessen klatschen, pfeifen und mit den Füßen trample. Aber es sollte anders kommen, wie ich schon bald sehen sollte. Denn nun wurd die Herde weiter vorangetrieben, und ehe ich mich versah, fand ich mich mittem im Backstage-Bereich wieder. Mitten im Raum stand eine weiße Wohnlandschaft, auf die man uns möglichst telegen drappierte. Und dann sah ich auch schon die ersten Kameras, die sofort wild durch die Gegend aufzeichneten. Geistesgegenwärtig habe ich noch schnell meine dunkle Sonnenbrille aus der Tasche gezogen. Und für den Rest des Abends nebenbei auch nicht wieder abgesetzt 😎 .

Ein sogenannter Warm-Upper machte ein paar Dönekes mit uns, Günni sang „Guten Tag Her Doktor“ für uns und wir klatschten und jubelten kollektiv wie von Sinnen in die Kameras hinein. Mehrmals. Ich auch. Der ganze Spuk dauerte exakt fünf Minuten, dann kam die Herdentreiberin zurück und wir wurden an der anderen Seite des Raumes zurück in die Halle gescheucht, nicht ohne die Bemerkung, wir mögen uns doch bitte beeilen, die nächste Gruppe käme ja schon. Irgendwann fanden wir uns alle in der Halle wieder und warteten geduldig auf den Beginn der Show. Mittlerweile hatten wir auch unsere Eintrittskarten erhalten. Super, nummerierte Plätze. Dann wissen wir ja genau, wo wir sitzen müssen. Dachte ich. Denn als die beste Goodie von allen (für uneingeweihte: Meine Frau) und ich auf der Suche nach unseren Plätzen ein wenig ziellos herumirrten, kam sogleich eine weitere Headset-Biene auf uns zu gestürmt und fragte, ob wir Freunde von Günni seien. Klar, sind wir. Lange schon. „Also gute Freunde? Na dann kommt mal mit, ich habe für euch besondere Plätze!“ Als wir uns dann setzten, wunderte ich mich noch, waren doch die Plätze gar nicht wirklich gut, Man konnte zwar sehen, aber eher so etwas von der Seite. „Und hell ist es hier auch, geradezu ausgeleuchtet. Und was sind das da für komische Kabel, das sind doch nicht etwa Mikrofone?“ dachte ich noch so im Stillen.

Kurz und gut, wir saßen einmal mehr genau in der Kamera-Einflugschneise. Und dann sollte es losgehen. Erneut betrat der Warm-Upper die Bühne und machte ein paar Dönekes mit uns. Und vergaß auch nicht, uns zu erklären, was wir zu tun hätten. Wäre aber nicht so schwer, er würde uns das immer vorturnen. „Nicht in die Kamera winken und immer daran denken: Wer jetzt scheiße aussieht, sieht auch später im Fernsehen scheiße aus!“ Guter Rat, mein Freund. Nur leider ein wenig spät, denn mein adäquates TV-Outfit hing natürlich zuhause im Schrank. Aber ich hatte ja noch meine Sonnenbrille. Also bemühte ich mich, möglichst cool zu wirken. Ob es geholfen hat, sehen wir übrigens irgendwann im September, denn dann wird das Ding ausgestrahlt. Mit ein wenig Glück geht dieser Kelch an mir vorbei. Hoffe ich :mrgreen:

Countdown von zehn, dann ging es aber auch wirklich endlich los. Eine goldglitzernde Inka Bause betrat durch den Mittelgang den Raum und wurde schon ordentlich gefeiert. Nach Inka folgte Bruce Darnell, hier legten die Zuschauer in Sachen Jubel noch ein Schüppchen drauf. Und dann kam er. Der Titan des Pop, wie er sich gern selbst nennt und dies im Laufe des Abends auch wie erwartet mehrfach tat. Frenetischer Applaus vom Publikum, mir jedoch drängte sich der Gedanke auf, dass ich ihn mir eigentlich irgendwie größer vorgestellt hatte. Als die drei Juroren ihre Plätze am Pult eingenommen haben, drehte sich Dieter zum Publikum und begrüßte alle Anwesenden erst einmal. Nett. Sehr nett. Geradezu sympathisch. Dabei hatte ich doch zuvor beschlossen, ihn nicht zu mögen. Weia, was passiert denn da?

Was dann folgte, kennen alle sicher aus dem Fernsehen. Es kamen ein Mundharmonika spielender Junge aus dem Erzgebirge, Sänger, Tänzer, Akrobaten, eine Frau, die halb ein Mann sein wollte und eben wie schon erwähnt DJ Günni, alles in allem eine bunte Mischung. Dieter war wieder ganz Dieter, Bruce war wieder ganz Dame und Inka fand alles toll. Und wir klatschten. Auch für den Checker in schlabberigen Jogginghosen, der nach einem beherzten „Ey Essen, was geht?“ doch tatsächlich einen Modern Talking Titel zum Besten geben wollte. Die Betonung lag auf wollte, denn weit ist er nicht gekommen. Erst kamen nach wenigen Sekunden die drei Nein-Buzzer und danach ein ebenso beherztes „Du kannst nach Hause fahr’n“ vom Publikum. Checker brüllte Dieter noch entgegen, dass er mal auf den Refrain hätte warten sollen, den sänge er tausend mal besser als er, zog aber gleich darauf seinen deutlich sichtbaren Schmerbauch ein und trollte sich von der Bühne.

Die einzelnen Acts wurden von der Jury dann beurteilt, fragt mich nicht nach welchen Gesichtspunkten. So kam die eine Tanzgruppe weiter, eine andere aber nicht, eine Sängerin fand man gut, eine andere eher weniger. Ich denke, wenn man so viele „Talente“ gesehen hat, weiß man, was man tut. Hoffentlich. Ich persönlich hätte anders entschieden, aber ich bin ja nicht Dieter. Inka hätte sicher auch anders entschieden, aber Inka ist ja nicht Dieter. Und Bruce ist eben … na ja Bruce eben. Einen Auftritt möchte ich hier aber nicht unerwähnt lassen. Ein Mann mittleren Alters in dreiviertellangen Hosen und schreiend türkisfarbenem Hemd betrat die Bühne und verkündete leise und sehr bescheiden, er hätte auf den Titel „We have a dream“, einem (natürlich) Bohlen-Titel einen neuen Text geschrieben, um damit seiner Frau zu sagen, wie sehr er sie immer noch liebe nach all den Jahren. Dieter nahm dies erst einmal zum Anlass, den Herrn darüber aufzuklären, dass er sich hier gerade strafbar mache, er verstieße da ja wohl gegen geltendes Recht. Zitat: „Normalerweise rufst du meinen Verlag an und sagst, du willst das machen. Dann rufen die mich an und ich sage dann nein. So läuft das!“ Die Anspannung war dem Herrn, dessen Name mir gerade nicht einfallen will, im Gesicht abzulesen. Nach einer Kunstpause segnete Bohlen mit einem „Aber Scheiß drauf“ die ganze Sache doch noch ab und der Titel wurde vorgestellt. Und was für eine Verwandlung ging mit dem Herrn dann vor. Die Anspannung fiel von dem Herrn ab und er begann zu singen. Und da war er wieder, dieser Moment: Die Stimme war großartig, unerwartet großartig, ganz wie seinerzeit Paul Potts. Standing Ovations des Publikums belohnte ihn, auch Dieter war voll des Lobes, hier könnte noch was passieren. Absolut finalverdächtig.

Siebzehn Acts waren es insgesamt, die sich Jury und Publikum gleichermaßen stellten. Denn wir wären ja auch Jury, hatte uns Dieter zuvor aufgeklärt. Also jurorte ich etliche Stunden munter vor mich hin und erhielt dazu als Belohnung von der Produktionsfirma kostenlos ein stilles Wasser. Alles in allem war es ein abwechslungsreicher und sehr unterhaltsamer Abend. Doch jetzt ist mein Bedarf an Dieter und Co. fürs Erste wieder für längere Zeit gedeckt. Danke RTL, dass ich mir das mal aus der Nähe ansehen durfte.

DJ Günni, der Mausebär des PopschlagerHalt, da war doch noch etwas. Ja richtig, der Auftritt von meinem Freund Günni. Deswegen waren wir ja überhaupt hergekommen. Um es kurz zu machen: Er wurde ziemlich schnell rausgebuzzert und hatte es insgeheim auch wohl so erwartet. Wir haben unseren Mausebären aber gefeiert wie einen waschechten Superstar. Und eines muss ich hier unbedingt loswerden: Wer sich eingehüllt in einen Ganzkörper-Fellanzug und mit einem Mäuse-Hut vor das Bohlen-Tribunal stellt, dem gebührt mein absoluter Respekt. Solange er weiß, was er da tut. Und das weiß Günni, mein Wort darauf. Günni mein Freund, du hast echte Cojones. Also auf gut Deutsch: Eier wie Melonen. Ich hätte das niemals bringen können.

Aber ich bin ja auch bescheiden, introvertiert, ja geradezu zurückhaltend…

 

 

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